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Friday, March 16, 2007

Kyle Eastwood zu Paul Albert Leitner, 2: "Ich bin kein Jazz-Snob, wahrscheinlich auch kein Asket"


Kyle Eastwood (Foto © Gai Jeger)


2. Teil des Gesprächs von ELFI OBERHUBER mit Fotokünstler PAUL ALBERT LEITNER und Jazz-Bandleader KYLE EASTWOOD. Auf das asketische Meditieren folgt das sinnliche Reisen. Mit direkter Auswirkung auf die Kunst. Für Einführung und Teil 1 scroll down.

Kurzprofil KYLE EASTWOOD, geb. 19.5.1968 in Kalifornien/USA (Sternbild Stier). Zweites Kind von Hollywoodstar Clint Eastwood und dessen erster Ehefrau Maggie Johnson. Der Vater, Jazzfan und Hobbypianst, bringt den Sohn zum Jazz und arbeitet mit ihm als Filmkomponist (Mystic River, Million Dollar Baby -Oscar-Abräumer 2005, Letters from Jima - Oscar 2007 u.a. für Ton-Schnitt, CD-Veröffentlichung Februar 2007). Kyle, kurz Schauspieler, lernt Bass autodidaktisch. Macht Mainstream-, Contemporary-, Hard Bop-, Cool-, Funky-Jazz. Zunächst in vielen Bands. Heute Leader einer wahrlich sexy "Jazz-Boy-Group". Erste CD 1998 From There to Here (Sony) mit Miles-Davis-Gil-Evans-Einfluß, zweite CD 2005 Paris Blue, jüngste CD Ende 2006 Now. Seit Paris Blue arbeitet Elektronikinstrumentalist und Kompositeur Michael Stevens eng mit Kyle Eastwood zusammen. Now (Record Label / Rendezvous Entertainment) ist ein grenzüberschreitender Genremix aus Postmodernem Jazz, Pop und Club (mit einer The Police-Song-Interpretation). Mit Gesang und Songwriting von Jamie Cullums Bruder, Ben Cullum, sowie der Neuen Garde der britischen Underground-Jazzbläserszene Graeme Flowers und Dave O´Higgins aus London, wo Kyle Eastwood lebt.

- In welcher Verbindung Kyle Eastwood zu Jazzpianist - und Bandleader Jon Regen (in www.intimacy-art.com / artists / talks / vision) und dem Underground- Club- Jazz- Genre steht, erfährt man über intimacy: art (www.intimacy-art.com) in REALNEWS / WATCHER (bzw. TIPPS) / Archives: March. Titel: TANZEN AB 30: BEI PEE WEE ELLIS, PRINCE, KYLE EASTWOOD & JON REGEN


Fremde Städte und ein Kind - zwei Inspirationen

Foto © Paul Albert Leitner: Brno, 1997

intimacy-art: Die Inspriation für Ihre CD "Paris Blue" holten Sie sich nun auf Reisen. Wie Asketen, die sich als Pilger beim Reisen in spiritueller Tiefe selbst finden, um ihren Standpunkt gegenüber dem Weltgeschehen zu reflektieren. Inwiefern wurde Ihre Musikwelt nun von den Städten Marakesh, Solferino, Paris beeinflußt?
KYLE EASTWOOD:
Geschrieben habe ich die meisten Nummern in Paris, und den Titel Marrakesh tatsächlich nach einem Trip in Marokko.
Ich war dort vier, fünf Mal. Beim ersten Gang durch den Markt hörte ich diese Musik, wo die Einheimischen außerhalb des Platzes spielen. Später stellte ich mich immer dorthin, während meine Freunde einkauften, um zu lauschen. Manchmal spielten sie auch für tanzende Schlangen. Der Titel lebt daher von der folkloristischen Musik des mittleren Ostens. Er ist sehr romantisch.
intimacy-art: Der Titel "Solferino" kommt mir sinnlich-schwül vor. Ist das dort so?
EASTWOOD:
Solferino ist eine Straße in Paris, also nicht der Ort in Italien, mit einer Brücke für Fußgänger über der Seine, mit Bänken und nahe dem Ort in
Paris, wo ich mit meiner Tochter lebte, und mit meiner Exfrau - die von spanischer Herkunft und in der Mode arbeitend naheliegenderweise auch ein gutes Kunstgespür hat. Dorthin ging ich also fast jeden Tag - manchmal aus Spaß, machmal zum Mittagessen - und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. (Er stockt, beobachtet durchs Fenster den stürmischen Hagel und lacht verwundert.)
PAUL ALBERT LEITNER:
Nanu, haben wir schon April?

EASTWOOD (lacht):
... ja, das war also ein inspirierender Platz
für mich.
intimacy-art: Und der elegant-verträumte "Paris Blue"-Covertitel ist, glaube ich, von Ihrer Tochter inspiriert?
EASTWOOD:
Ja, meine Tochter hat das Motiv über lange Zeit am Klavier gespielt, sodass ich nach einem "Mach weiter!" zwei Mikros am Piano befestigte. Sie
mußte es dreimal spielen, ich legte die Strings darunter, und das Intro war fertig. Das war sozusagen der Samen, woraus dann das Lied erwuchs.

"Pilger" auf Atmosphärensuche


intimacy-art:
Und Paul Albert Leitner ergeht sich - tatsächlich wie ein asketische Pilger - reflektierend die Städte, nicht?

LEITNER:
Nun, um das "Gefühl" einer Stadt zu erfassen, lese ich mich vorher gut ein, dann bewege ich mich als anonymer, zahlungsschwa
cher Tourist, ökonomisch vorgehend, zu Fuß und voll konzentriert vom Zentrum in immer größeren Kreisen nach außen. Ich wandere mit der Sonne, und weiß ich, wie sie sich dreht, kommt vielleicht nach großer Erschöpfung noch die Seite dran, die vorher im Schatten lag. Die Motive selbst wiederholen sich eigenartigerweise in jeder Stadt in zwanzig Themengruppen: Fassaden, Typografien, die Peripherie mit Müll, Ruinen, sowie Industrie-Landschaften: dort gibt es etwa immer typisch "aufgeladene" Tankstellen. Wie jene in Podersdorf, die man mit dem Mythenbild des Roadmovie assoziiert. Ähnlich ist es mit Edward-Hopper-Barsituationen. Die habe ich im Hinterkopf, was dann in der Atmosphäre des Fotos durchscheint. Und bin ich hier noch der Sammler, so werde ich dann beim Auswählen und Kombinieren zum reflektierenden Dichter: ich verdichte alles zu einer Ausstellung, wie zur 25-Bilder-Auswahl in der Galerie Steinek oder beim Buch Cities, Episodes mit 455 Fotografien bzw. dem jetzt erschienenen Buch Wien: Momente einer Stadt, mit den markantesten Fotos der letzten zehn Jahre. Die Fotos sind immer auch Zeitdokumente, da viele fotografierte Plätze, Lokale, Reklametafeln heute gar nicht mehr bestehen. Deshalb bekommt bei mir jedes Foto auch einen Zeit-Ort-Titel.
intimacy-art:
Haben Großstädte eine funky Atmosphäre mit groovy Rhythmus, wie es in den Titeln "Big Noise", wo Ihr Vater Clint
Eastwood pfeift, und "Cosmo" durchklingt? Repräsentiert das für Sie den Prototyp einer Urbanität?
EASTWOOD:
Ja, das kann man sagen. Mit dem Vorteil, dass sich solche Musik wirklich in allen Großstädten spielen läßt. Denn die urbane Publikumsmentalität ist
weltweit homogen. Ich bin aber generell kein Jazz-Snob, kann mich sehr an Popmusik und anderem erfreuen. Bei meiner ersten CD From There To Here ließ ich mich von Miles Davis´ und Gil Evans´ gemeinsamem, großem Orchesterjazz beeinflussen. Diese typischen, traditionellen Arrangements mag ich sehr, sodass ich sie im Soundstil übernahm. Und vorher spielte ich in Funk-Bands. Und in allen meinen Alben repräsentiere ich prinzipiell verschiedene, bevorzugte Stile.

Foto © Paul Albert Leitner: Schottenbastei,
aus Vienna: Moments Of a City


Von den Askesefarben zur Erkenntnisgewinnung


intimacy-art:
Die Askese-Farben sind nun Grün (Hoffnung, Natur, Ruhe), Blau (Treue, Keuschheit, Unergründlichkeit, Ferne) und vor allem Violett. Was für
Farben und Töne finden sie am schönsten?
EASTWOOD:
Manche Kinderstimme, Naturgeräusche und auch Autohupen - dabei dachte ich schon an ein Sample. Und Blau ist mir die liebste Farbe, aber auch
leidenschaftliches Rot.
LEITNER: Bei den Farben schließe ich mich an, ich mag auch Orange. Bei Blau denke ich an Dämmerung und Großstadt-Saxophon-Sound, wenn ein Ozeandampfer in den Hafen einfährt, mit dem lauten: "Wööööööh." Beim Fotografieren achte ich aber nur unterbewußt, intuitiv auf Farben. Ein Highlight ist, wenn eine Farbe pur daher kommt, wie beim blauen Bauzaun in Manhattan, eine Situation, die man beim Film bestellen müßte. Und "Rote Menschen" passieren mir immer wieder auf der Welt, wie der Schuljunge im roten Trainingsanzug, oder die Portugiesin, bei der absolut alles rot war: Schuhe bis Handtasche. Am stärksten inspiriert mich aber sicher Musik: Salsa sitzt mir in Havanna zum Beispiel von der Ankunft am Airport bis zur Abreise im Ohr. Wenn du da durch die Straßen gehst, ist das das reinste Salsa-Konzert. Ein heißes Gefühl hat dieser Salsa.
intimacy-art: Ich kenne einen Fotografen, der auf den Straßen immer Mädchen ansprechen muß und sie zu intimen Fotoshootings einlädt. Fallen Ihnen auch Mädchen auf?
EASTWOOD (lacht):
Nun, gelegentlich. Eigentlich mag ich aber Architekur, besonders alte, wovon Europa so viel hat, und die Natur. E
in Sonnenuntergang ist für mich immer sehr anziehend, da ich nahe dem Ozean aufgewachsen bin.
intimacy-art:
Erweitert Reisen Ihrer Ansicht nach tatsächlich den Horizont?

EASTWOOD: Bestimmt. Es lehrt dich mehr als irgendeine Schule. Ich wuchs glücklicherweise - da mein Vater in Europa arbeitete - vielreisend auf. Meine Mutter war immer sehr in Vaters Berufsweg involviert, obwohl sie zuvor Sekretärin war. Dabei malte sie in Spanien sehr viel nach Fotografie-Vorlagen. Diese Umsetzungslust habe ich wahrscheinlich von ihr übernommen. Dass man als Jazzer verschiedene Stadt-Atmosphären tanken kann, ist also tatsächlich für das Lebensgefühl bereichernd.
intimacy-art:
Und Ihnen wird vom vielen Reisen sicher schwindelig!

LEITNER:
Das kann man sagen, ja. Denn das Reisen ist heute gar nicht mehr so einfach, wie man glaubt. Mich mit der Mobilität aller Menschen zu
konfrontieren, während ich immer noch ein altmodischer Reisender bin, verschafft mir Probleme. Angefangen von den Klimaanlagen bis zur Schulterentzündung beim Fahren bei offenem Fenster. Diese Strapazen vergißt man also danach lieber.
intimacy-art:
Wie steht es im Gegensatz zur Fremde mit Ihrem Heimatbewußtsein?

LEITNER:
Es steht ein Wort im Reisepaß, das als Heimatland gelten soll, für mich stimmt jedoch: Meine Bibliothek ist meine Heimat.

EASTWOOD:
Meine Heimat kann nur manchmal die Musik sein, eher ist es das, wo meine Tochter lebt, oder wo ich aufwuchs: bei meiner Mutter. - Mein Vater lebt
mit seiner Frau in der Nähe davon. Selbst wenn ich sie nur ein-, zweimal pro Jahr besuche und das nicht wirklich meine Lebensbasis ist.
intimacy-art:
Haben Sie eine Familie?

LEITNER:
Nein.

intimacy-art: Also ein Single-Mann. - Der aber vielleicht seine Verantwortung gegenüber der Menschheit übers Publikum ausleben kann: Haben Sie das Bedürfnis nach Sinnstiftung?
LEITNER: Wenn meine Bilder in den Leuten eine Erkenntnis, eine Reflexion auslösen, ist das mein Ziel, ja.
EASTWOOD:
Bei mir können sie sich durchaus unterhalten, da es Teil und Wert der Musik-an-sich ist. Allerdings soll diese Musik schon von künstlerischer
Qualität sein, die zu bewegen vermag.

Foto © Paul Albert Leitner: Schmelzgasse,
aus Vienna: Moments Of a City

(Interview-Auszug vom 22.1.2005, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (halb Deutsch, halb Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Paul Albert Leitner zu Kyle Eastwood, 1: "Ich beobachte gern asketisch-strapazierte Leute"


Paul Albert Leitner (Photo © Gai Jeger)


Jazzbassist und Bandleader KYLE EASTWOOD und Fotokünstler PAUL ALBERT LEITNER haben eine Kehrtwendung eingeschlagen: Leitner zeigt sich in seinem neuen Buch nach dem witzig-reflexiven Globetrotter als persönlich-heimatverbundener "Wiener", Eastwood in seiner neuen CD nach seinen musikalischen Städte-Impressionen als unterhaltsamer Club- und Popjazzer. Davor hatten sie noch so etwas gemeinsam wie "Askese". Das hat zumindest ELFI OBERHUBER im Gespräch mit ihnen empfunden ...

Kurzprofil PAUL ALBERT LEITNER, geb. 1957 in Jenbach/Tirol (Sternbild Jungfrau). Ausgebildeter Fotograf, seit 1986 freischaffender Künstler. Vielfach ausgezeichnet, mehrere Staatsstipendien. Einzelausstellungen seit 1988 in Österreich (u.a. Secession, MuMoK, Kunsthalle), Deutschland, Bozen, Turin, Warschau, etc.. Beteiligungen auf der ganzen Welt. Nach seinem ersten Fotoband Kunst und Leben (Text: Gerald Matt), erschien 2005 Cities, Episodes - 455 Fotografien, die der Welt durchreisende Beobachter in zehn Jahren geknipst hat, und im März 2007, herausgegeben von der Fotohof edition, Salzburg die logische Umkehrung davon: Wien: Momente einer Stadt (Vienna: Moments of a City): hier kehrt der Globetrotter in seine Heimatstadt zurück, um das in berechnetem Sonnenlicht, purer Farbe und nacktem Gemäuer, aber von ungemeiner Erzählkraft zu zeigen, was einmalig ist: scheinbar unbedeutende Örtchen, Fassaden, Stellen, Objekte, Schriftbilder, die gerade deshalb - und so wie sie durch Leitners Auge gesehen werden - eine ganz persönliche Persönlichkeit aufweisen. "Ortschmuck", den es heute teilweise gar nicht mehr gibt. Impressionen und Stimmungen, die unwiederholbar sind. - Auch hier handelt es sich um eine Bilderauswahl von 165 Fotos der letzten zehn Jahre. Begleitet wird die Buch-Veröffentlichung von einer Einzelausstellung vom 17.7.bis 17.8.2007 in der Wiener Galerie Steinek, Eschenbachgasse 4, 1010 Wien. Und vom 10.7.-28.8.2007 läuft in der Kunsthalle Wien, project space karlsplatz, die Ausstellung: Paul Albert Leitner - Porträts von Künstlern und anderen Personen, Selbstporträts und Natur


Askese als Weg zur Ästhetik

Foto unten © Paul Albert Leitner:
Hannovergasse,

aus Vienna: Moments Of a City

intimacy-art: Ich habe einen Rahmen gefunden, der sie beide vereint: Askese.
KYLE EASTWOOD: Wie? Ästhetik?
intimacy-art: Askese. Verzicht auf Überflüssiges und Luxus zugunsten des Nötigsten.
EASTWOOD: Eigentlich erfreue ich mich sehr an hübschen Sachen. Aber lieben tu ich Kunst und Musik.
intimacy-art: Hat das nichts mit Askese zu tun?
EASTWOOD: Es hat im Gegensatz zu den hübschen Dingen zumindest wenig mit Finanziellem oder Luxus zu tun. Für mich ist es lebensnotwendig.
intimacy-art: Hm, könnten wir trotzdem die Musik leiser schalten? (Im Hintergrund läuft Frank Sinatra)
EASTWOOD (ruft): Dreh Frank runter, bedauerlicherweise!
PAUL ALBERT LEITNER: Ich lebe die Askese schon aus existenziellen Gründen in Form von einer Zurückgenommenheit, was mit Meditation zu tun hat.
EASTWOOD: In der Musik versetzt du dich auch in einen Geistesrahmen. Man muß sich auf die Form der Musik konzentrieren und gleichzeitig bezüglich der Mitspieler fürs Gruppenerlebnis offen halten.
intimacy-art: Jazz ist sicher die intellektuellste Form von Musik. Das würde dem Beherrschen des Asketen seines Körpers entsprechen, um den Geist zu spüren.
EASTWOOD: Manchmal ist es Gehirnmusik, etwas Intellektuelles, ja.
intimacy-art: Dabei ist mir Ihre angestrengte Mimik aufgefallen, während Sie spielen. Kommt die aus dem Kopf oder aus dem Körper?
EASTWOOD: Manchmal konzentriert man sich, manchmal versucht man die Musik zu fühlen, denn grundsätzlich muß sie aus dem Bauch kommen.
LEITNER: Ich muß mich ebenso beim Fotografieren konzentrieren, im nur aus Überfluß und Überfülle an Bildern bestehenden Alltag. Innerhalb dieser Impressionslawine beginne ich dann still und ruhig, aber bei einer Entscheidungsgeschwindigkeit in Sekundenschnelle, asketische Dinge zu entdecken: wie dieses Detail einer Erdbeere. (Im Wasserglas am Tisch liegt ein Erdbeer-Schnitz.)
intimacy-art: Was aber wieder ein Luxus darstellt, oder zumindest etwas Ästhetisches.
LEITNER: Ein schönes Stillleben: dieser Schnitz von einer Erdbeere, der reduziert und einsam im Leitungswasser schwimmt. So wie Motive, die nur vom Licht leben, von der Atmosphäre, in schnell-vergänglichem Blick. Diese kleinen Dinge beobachte ich und sind mir wichtig. Die knipse ich dann gezielt bei sparsam-geringem Filmverbrauch, nur mit 50 mm-Objektiv. Der Blick ist also auf den Ausschnitt dieser Brennweite trainiert, was in Körper und Geist übergeht.
intimacy-art: Die historische Figur des Dandy, wie etwa Oscar Wildes Dorian Gray - war nun ...
EASTWOOD: ...eitel.
intimacy-art: ... aber auch Ästhet. Als Aristokrat verkörperte er eine geistige Haltung.
EASTWOOD: Er dachte in gesellschaftlichen Klassen, ja.

Foto © Paul Albert Leitner: Hippgasse,
aus Vienna: Moments Of a City


Morbidität als Kunstausdruck

intimacy-art: Im Dandy sind also Ästhetik und Askese vereint: er zog es vor, nichts zu essen, nicht zu schlafen, um mit strapazierten Nerven melancholisch und umso sensibiliserter Kunst wahrzunehmen. Er wollte ungesund, unathletisch sein - er war also das Gegenteil der meisten Amerikaner ...
EASTWOOD (lacht).
intimacy-art: Haben Sie je so gefühlt?
EASTWOOD: Bei mir hat alles mit dem Herzen zu tun, womit ich mich einlasse. Ich mußte mich also nie absichtlich dieser Situation aussetzen, um so ein Stadium zu erreichen. Aber Ästhetik war mir an sich immer schon wichtig. Ich malte, musizierte, war von kleinauf gut in Kunst, weil ich mich dafür interessierte. Bei Mathematik und Wissenschaft war das weniger der Fall.
intimacy-art: Haben Sie nie die Nächte durchgemacht, als Sie jung waren?
EASTWOOD: Nun, als Musiker machst du ohnehin viele Nächte durch. Möglicherweise kann ich das also bejahen. (lacht) Für die Kunst-Wahrnehmung - besser das Kunst-Machen - braucht man aber nur gute Inspiration. Und die kann man in jeder physischen Verfassung haben, bevorzugt aber in der Gesunden.
LEITNER: Ich liebe es schon, andere in diesem Zustand zu beobachten und stelle mich in Selbstportraits in erschöpftem Zustand dar: in Hotelzimmern, auf Reisen, auf Flughäfen. D.h. ich spiele mit der Idee der Selbstbespiegelung, was ja zum Dandy gehört. Tatsächlich bin ich aber eher befangen. Meine Exzesse begrenzen sich auf die Jugendzeit. Nur im Kopf finden sie noch statt.
intimacy-art: In Ihrer Kunst drückt sich die ästhetische Morbidität auch in Todessujets aus...
LEITNER: Nun, ohne Schrecken keine Schönheit: der tote Hund auf der berühmten Promenade in Havanna, lag unvergänglich schön in der Sonne. Auch noch am nächsten Tag und den Tag darauf, sodass er auf jedem Foto, das ich machte, verwester war. Manchmal hat man also auch mehr Zeit, nicht nur den vorher erwähnten schnellen Moment. Für dieses Motiv hatte ich fünf oder sechs Tage.
EASTWOOD (lacht): Sie fotografierten ihn jeden Tag? In unterschiedlicher Sonne?
LEITNER: Einen toten Hund im Sonnenschein. Das war sehr brutal, sehr schön. Der Tod ist als Teil des Lebens auch wichtig.
intimacy-art: Ein altes Thema in der Kunstgeschichte. - Jetzt eine kleine Frage: Wo liegt in Ihren Augen der Zusammenhang zwischen Hunger und Sex?
EASTWOOD (lacht)
intimacy-art: Ist es wirklich wahr, dass man kein Verlangen nach Sex hat, wenn man hungrig ist?
EASTWOOD: Ob das wahr ist?

Foto © Paul Albert Leitner: Me, myself in a hotel, 2002 - der Künstler-Dandy in erschöpftem Zustand im Gramercy Park Hotel, suite 1521, Manhattan/New York City
aus Cities, Episodes


Von der Hungerinspiration zur Körperlust

intimacy-art: Männer führen zum Beispiel Frauen zum Essen aus, bevor sie mit ihnen Sex haben wollen. - Ob das aber wohl so gut für den Sex ist, vorher so viel zu essen?
EASTWOOD: Da gebe ich Ihnen prinzipiell recht. Aber das klingt bei Ihnen wie ein Ritual, ein Dinner bei einem Date zu haben, und dann zu viel zu essen...
intimacy-art: Ich spreche nicht von mir, sondern vom Zusammenspiel von Körper, Geist und Begierde.
EASTWOOD: Hierbei handelt es sich wohl um zweierlei Verlangen. Man ißt zuerst mal, um zu existieren. Beim sexuellen Trieb geht es nicht um die Frage von Leben oder Tod. Obwohl es sich manchmal gleich stark anfühlen kann. Wo soll es da also einen Zusammenhang geben?
intimacy-art: Die asketischen Buddhisten essen zum Beispiel nichts und verzichten auf Sex, um ....
EASTWOOD: ... klar zu sein. Ich verstehe, ja.
intimacy-art: Ich stelle mir aber vor, dass ein Buddhist gerade wegen des Fastens Sex haben will.
EASTWOOD: Also, ich erfreue mich am Essen und am Sex.
intimacy-art: Anfangs sagten Sie allerdings, dass Sie nicht zu viel essen möchten, um Sex zu haben.
EASTWOOD: Ja, das stimmt.
intimacy-art: O.k., wie ist es mit Ihnen? (alle lachen)
LEITNER: Das war mir zu kompliziert.
intimacy-art: Stimmt es für Sie, dass man keine Lust auf Sex hat, wenn man weniger ißt?
LEITNER: Also das ist ein Blödsinn.
intimacy-art: Wieso? Wenn man verliebt ist, kann man auch nichts essen; man lebt von Luft und Liebe.
LEITNER: Also, ich weiß nicht, von wem das ist, aber das ist, glaube ich, ein Blödsinn.
intimacy-art: Möchten Sie - so wie viele Menschen - zuerst essen gehen und dann Sex haben?
LEITNER: Tja, ... zuerst klingt das sehr einfach, aber im Grunde ist das Philosophie. Ich erinnere mich an die Naturgeschichte, wo der stärkste Trieb der Erhaltungstrieb ist, also die Ernährung, Essen. Der zweite ist erst der Sexualtrieb, was ja mit der Fortpflanzung zusammen hängt. Das ist alles von der Natur gut eingerichtet. Und wir sind Teil dieser Naturgewalten: Man muß sich nur vorstellen, man sei in der Wüste und habe kein Wasser, dann wird man sicher nicht an Sex denken. Sowie auch nicht, wenn man verhungert. Danach kommt aber sicher gleich der Fortpflanzungstrieb.
intimacy-art: Wir sprechen da, glaube ich, von verschiedenen Stadien. Bevor ich verhungere, werde ich sicher essen ...
EASTWOOD: Was ja auch mein Punkt war: zuerst geht es um die Frage von Leben oder Tod - und dann um die Abstufungen.
LEITNER: Es wird am Ende wohl von jedem individuell zu beantworten sein. Der eine ißt vor dem Sex ein Eis, der nächste trinkt nur Alkohol.... es bedarf also auch hier, wie in der Kunst, einer gewissen "Inspiration", würde ich sagen.

Foto © Paul Albert Leitner: Rechte Wienzeile,
aus Vienna: Moments Of a City


Lesen Sie in Teil 2 oben: Von der sexuellen Inspiration zur Reise-Inspiration: - Wie Paul Albert Leitner und Kyle Eastwood zu ihrer Kunst finden.
(Interview-Auszug vom 22.1.2005, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (halb Deutsch, halb Englisch) über intimacy-art@gmx.at)

Tuesday, October 17, 2006

"Ich fürchte mich vor dem Tod" - Nitsch zu Rainer, Teil 4




ARNULF RAINER und HERMANN NITSCH im letzten Teil des Gesprächs über das Altern mit einer gar nicht schweigenden ELFI OBERHUBER. Für Einführung und Teile 1,2,3 scroll down.

Photo: Hermann Nitsch (© Gai Jeger)


Von der Religiosität zur Blasphemie


intimacy-art: Man sagt ja im Volksmund, der Mensch wird im Alter religiös.
RAINER: Ja, "alte Huren werden fromm", wir waren aber nie Huren.
intimacy-art: Sie haben sich also immer mit Religion befaßt.
RAINER: Ich habe mich immer mit Religion befaßt, ja, weil sie mit Mystik zu tun hat. Ich habe aber keine konfessionelle Bindung.
NITSCH: Bei mir ist es ähnlich. Ich bin seit meinen Anfängen religiös, aber nicht konfessionell gebunden. Ich bin eher dem ganzen Schöpfungsablauf, dem Sein, zugewandt. Mich faszinieren Religionen, ich versuche sie auch immer wieder zu vergleichen und Ähnlichkeiten festzustellen. Ich habe sehr viel vom Psychoanalytiker C.G. Jung gelernt, seinem Modell des kollektiven Unbewußten, aus dem die ganzen Mythen entstehen und sich die Archetypen heraus kristallisieren. Das fasziniert mich, ob es wahr oder unwahr ist. Es stellt die Entwicklung des Bewußtseins dar, die Psychosen, wo man im Mythischen ertrinkt.
intimacy-art: Und wie bewußt ist Ihnen beiden der Moment der Blasphemie in Ihrer Kunst?
RAINER: Als Künstler kann ich, wenn ich eine Bibelillustration übermale, nicht blasphemisch werden, weil die Werksgestaltung so viel Wahrheitskraft erfordert, dass das Blasphemische, selbst wenn man sich das sogar vornehmen würde, schon längst verdunstet ist.
NITSCH: Es gibt in der Kunst weder Blasphemie, noch Pornografie, nur schlechte und gute erotische Kunst. Gemäß der Freiheit der Kunst wird der liebe Gott, selbst wenn er auf einem Bild beleidigt werden sollte, nicht wirklich beleidigt.
RAINER: Außerdem wäre das eine Interpretation, dass das eine Beleidigung wäre.

Was kommt jetzt: Der Tod, und was dann?

intimacy-art: Das sagen also immer nur die anderen, selbst beabsichtigt man es nicht. In Ihren beiden Werken kommt auch immer der Tod vor. Das paßt ja auch zum Alter: als Ausblick. In beiden Fällen ist das für mich aber so zu verstehen, dass nach dem Tod das Leben kommt. Die Freude nach dem Elend, sozusagen.
NITSCH: Thomas Mann hat einmal etwas Gescheites gesagt: "Gäbe es den Tod nicht, würde nicht philosophiert werden." Viele große Philosophen geben keine direkten Antworten. Ich habe mythische Erlebnisse gehabt und sie bis zu einem Grad hervorgerufen. Da gibt es immer wieder Momente, wo man glaubt, den Tod überwunden zu haben, weil man sich mitten in der Schöpfung befindet. Und der Tod ist eben nur eine Verwandlung, nach der man wiederkehrt. Das ist auch ein Trost. Das kommt bei den verschiedensten Religionen und in der Mystik immer wieder vor. Die Christen sind da relativ dogmatisch, während die Inder mit ihrer Wiedergeburtslehre Chiffrierungen gewisser Tatsachen vornehmen. Aber die Angst vor dem Tod kann einem niemand nehmen. Als meine Frau starb, konnten mir Philosophien gefühlsmäßige Impulse geben, aber der Tod hat in seiner Nacktheit seinen Schrecken bei mir nicht verloren. Obwohl ich glaube, dass alles wiederkehrt und dass ich Bestandteil des Ganzen bin. Es wird sehr überschätzt, dass "ich persönlich wiederkehre". Es gibt auch immer wieder den Unterschied zwischen dem Ich und dem Selbst. Das Selbst bedeutet den Kontakt zum Ganzen, und erfährt man das Selbst, hätte man eigentlich schon den Tod überwunden. Nur das Ich stirbt. Ich fürchte mich aber, trotz meines Glaubens an die Wiederkehr, rechtschaffen vor dem Tod, so wie sich ein Kind vor dem Einschlafen fürchtet. Es gibt das Gleichnis vom Zenmeister, den Räuber abstechen, und er schreit. Daraufhin wurde lange debattiert, ob er überhaupt schreien hätte dürfen. Am Ende wurde seinem Schreien recht gegeben, weil sich seine Natur trotz seiner Erleuchtung erschrocken hatte.
RAINER: Ich fürchte mich nur vor dem Leiden. Man stirbt selten im Schlaf, was ich mir aber wünschen würde. Es ist mein letzter großer Wunsch an das Leben, den Tod nicht zu merken. Wiederkehren muß ich nicht, weil ich mir denke, "um Gottes Willen, soll man sich wieder plagen?".
intimacy-art: Warum haben Sie sich aber mit Totenmasken befaßt?
RAINER: Aus Faszination. Der Tod hat mich in meiner Kunst immer fasziniert, weil er zum Leben dazu gehört. Es ist aber keine Beschäftigung mit dem wirklichen Tod, sondern nur mit der Physiognomie des wirklichen Todes.

Aktuelle Ausstellung mit Arnulf Rainer auf: www.intimacy-art.com / aKtuell / REALNEWS / TIPPS
(Interview-Auszug vom Oktober/2001, volle Länge in Print(Deutsch+Englisch)/Audio(Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)

Saturday, October 07, 2006

"Wir malten Neues, die Jungen ballavern" - Rainer und Nitsch, Teil 3





ARNULF RAINER und HERMANN NITSCH im dritten Teil des Gesprächs über das Altern mit einer kaum mehr schweigenden ELFI OBERHUBER. Für Einführung und Teile 1, 2 scroll down.

Photo: Hermann Nitsch in körperlicher Erregung, Arnulf Rainer ärgert sich über die Künstlerjugend gelassener (© Gai Jeger)



Auch im Alter keine Kunst aus Selbstzweck

RAINER:
Schreibst Du noch?

NITSCH:
Ja und immer bezogen auf meine Arbeit. Schreiben war immer ein integraler Bestandteil meines Gesamtschaffens.
Diese Texte werden auch immer wieder publiziert. Ich gebe ständig Bücher heraus, selbst wenn sie niemand liest.
RAINER:
Ich habe auch relativ viel geschrieben, zum Teil unter einem Pseudonym. Heute würde ich für eine Seite
länger brauchen, als wenn ich ein Bild schaffe. Deshalb habe ich es aufgegeben.
NITSCH:
Du hast ja immer über Deine Arbeit reflektiert. Ich habe Deine Manifeste immer sehr geliebt.

intimacy-art: Das wollte ich ursprünglich fragen: Denken Sie, Ihre Werke könnten ohne Theorien und philosophische Interpretation bestehen?
RAINER: Sicher. Meine Bilder würden auch ohne wirken. Die Philosphie ist manchmal sogar eine Ablenkung. Die intellektuelle Interpretation kann die Wirkung eines Bildes auch nie erfassen. Nur durch das Auge wird das Gehirn vollständig erregt, zumindest bei mir ist das so.
NITSCH: Auch meine Arbeit müßte ohne theoretische Interpretation bestehen können. Die Kunst hat eine eigene Sprache, die nur die Kunst hat: Das ist nicht nur eine Signalsprache, sondern eine Metasprache mit tieferem Sinn.
intimacy-art: Ich denke, ein junger Künstler wird heute immer in Bezug auf die Geschichte beurteilt, während Sie noch Ihre eigenständigen Werke innerhalb der Geschichte gemacht haben und dafür anerkannt wurden.
RAINER
: Die paar österreichischen Künstler, die herausragend sind, sind international nicht vermischbar oder leicht zu kategorisieren. Sie haben ein eigenes Profil. Obwohl wir ein kleines Land und nur eine Ecke Europas sind.
NITSCH:
Andererseits glaube ich, dass die jetzigen jungen Künstler viel weniger theoretisieren, als wir das getan
haben. Sie reflektieren nicht, machen irgendwelche Gebilde, die halt dann dastehen. Für uns war das Theoretisieren nötig, da wir viel Neues finden wollten und das vor uns reflektieren mußten.
RAINER:
Es gibt heute die riesige Berufsgruppe der "Nur-Interpreten". Jene funktionieren eine Ausstellung zu einem
Diskussionsraum um. Wie im Depot, wo keiner mehr ausstellt, sondern nur noch ballavert wird. Für Künstler sind diese Diskussionen höchstens eine Anregung, aber nicht wörtlich zu nehmen.
NITSCH:
Ich glaube, das ist eher eine Abspaltung von der Kunst.

RAINER:
Das liegt auch daran, weil die für die Kunst bestimmten Gelder für diese Kunstdiskussionen verwendet
werden. Die Künstler bekommen zugunsten der Theoretiker weniger.
NITSCH: Es gibt eine Menge junger Leute, die sich sogar schon während der Ausbildung auf der Universität als Kuratoren ausbilden lassen. Meine Freundschaft mit vielen Kuratoren, auch älteren, ist zuende, weil sie nur noch Sensationen suchen und die alten Recken gar nicht mehr zu großen Ausstellungen einladen, indem sie sagen: "Die Alten sind eh schon berühmt". Sie wollen andauernd etwas Neues finden, finden aber nichts. In Venedig gibt es überhaupt nichts Neues, sondern nur Nachahmer. Das ist alles fad und langweilig. Und unsere ehemaligen Freunde zeichnen für diese Auswahlen verantwortlich. Auch das ist Einsamkeit. Wir werden vom großen Kunstbetrieb entfernt und kompensieren es dadurch, indem wir sehr, sehr viel machen und auf die Monsterveranstaltungen scheißen.

Jugend ist nicht gleich Jugend


RAINER: Wobei mich eine Ausstellung mit ein paar hundert Künstlern aber auch nicht mehr interessiert, weil man da eh untergeht. Es gibt immer welche, die Tiere in Spiritus legen und so weiter. Viele amerikanische Künstler lassen sich die Bilder schon malen, weil sie gar keine Freude an der visuellen Gestaltung mehr haben.
intimacy-art:
Das könnte man Ihnen aber auch vorwerfen: Sie waren in Ihrer Jugend ja selber so.

RAINER:
Wir haben aber immer selber gemalt.

intimacy-art: Ja, schon, ich meine aber Ihre Aggression und Widerspenstigkeit, um mit Skandalträchtigem zu provozieren!
RAINER:
Das machte ich aber nicht aus Selbstzweck.

NITSCH:
Wir haben etwas Neues gemacht.

intimacy-art:
Vielleicht suchen die jungen Künstler noch.

RAINER:
Beim Nitsch war eine tiefere Idee dahinter, die neuen Künstler provozieren aus Selbstzweck. Der
Kunstbetrieb des Ausstellungswesens hat eigene Gesetze: Andauernd muß etwas Neues passieren, jede Saison. Mich interessiert etwas, was mehr Tiefe und Intensität hat, wo auch etwas haften bleibt.
NITSCH:
Es haben heute viele Leute handwerklich-künstlerische Fähigkeiten, ihre Werke machen allerdings nicht betroffen. Das wäre aber
das Entscheidende.
RAINER: Ich dringe zum Beispiel immer mehr in die große Kunst der Geschichte, der Vergangenheit ein. Das erfordert viel mehr Geist und Einfühlungsvermögen. Ein alter Holländer wird im Allgemeinen viel zu oberflächlich angesehen. Für mich ist das eine größere Herausforderung, ein Bild, das ich mir lieber anschaue als eine Biennale.
NITSCH:
Deine Generation um Rühm und die Wiener Gruppe mußte ja nach dem zweiten Weltkrieg geradezu die Alten
Meister abstoßen. Ich konnte mit diesen Kollegen nie über Tizian oder Rembrandt sprechen. Rühm, der ja als Musiker von Schönberg restlos begeistert war, verweigerte ebenso die Alte Musik. Ich habe mich dagegen immer schon für die Alten Meister interessiert, und sie in Relation zum Neuen gestellt. Ich habe sogar in Deinen Übermalungen eine Affinität zu Rembrandt gesehen.
intimacy-art:
Sie, Herr Rainer, müßten ja zum Jahrgang von Ernst Fuchs gehören, der sich auch an Alte Meister
anlehnt.
RAINER: Ernst Fuchs war vom Manierismus beeinflußt und ist leider in einen Hyper-Kitsch hinein gerutscht. Das ist eine eigene Richtung. Wenn er gewachsen wäre, mit diesem Manierismus zu einer großen Identität wie der Dali, hätte ich für seine Sachen heute mehr übrig.
NITSCH:
Seine frühen Sachen mochte ich sehr.

intimacy-art: Seine Detail-Treue ist aber nach wie vor da. Und Sie sind in den Bibel-Übermalungen auch sehr detailgenau und feiner denn je.
RAINER: Meine Bibelübermalungen habe ich ja so gelöst, dass ich alte Bibelillustrationen aus verschiedenen Jahrhunderten bearbeitet habe. Das sind aber auch Illustrationen und damit nicht für die Wand gedacht, weshalb ich sehr detailiert sein muss und kann.

Und wie sich Rainer und Nitsch auf den Tod einstellen, das erfahren Sie in Teil 4 demnächst auf dieser Site

(Interview-Auszug vom Oktober/2001, volle Länge in Print(Deutsch+Englisch)/Audio(Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)

Wednesday, September 13, 2006

"Der Rainer hat mich nach Ängsten gefragt" Teil 2


ARNULF RAINER & HER- MANN NITSCH im zweiten Teil des "Gesprächs" über das Altern mit einer fast schweigenden ELFI OBERHUBER. - Für weitere Einführung und Teil 1 scroll down.

Kurzprofil ARNULF RAINER 8.12.1929 in Baden / Wien geboren (Schütze), gilt als "der" international bekannteste österreichische Maler der Nachkriegszeit. In den frühen Sechzigern begann er mit "der Malerei, um die Malerei zu verlassen". Zuvor war er dem Fantastischen Realismus zugewandt, der ihn aber nicht befriedigte. Seine Studien an den Wiener Kunst-Hochschulen brach er nach wenigen Tagen ab. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ("Blind-Malereien") entstanden viele Variationen seines Übermalungskonzeptes, die von Grimassenfotos über expressive Fingermalereien bis zu Kreuzserien reichen. Bis 1995 war Rainer Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 1993 wurde das Arnulf Rainer Museum in New York eröffnet. Zur Zeit stellt Rainer bis 4.3.2007 sämtliche Plakat-Originalentwürfe im Wiener Museum für Angewandte Kunst aus.

Photo: Arnulf Rainer (© Gai Jeger)

Zwei einsame alte Herren?

RAINER: Ein klassisches Problem ist sicher die Einsamkeit des alternden Künstlers.
NITSCH: Ja, obwohl ich eigentlich immer bekannter werde, Erfolg habe und gleichzeitig noch immer Ablehnung vorhanden ist, habe ich das Gefühl, immer einsamer zu werden. Die alten Freundschaften sind nicht mehr zu pflegen, einerseits wegen geografischer Umstände, andererseits wegen der eigenen Krankheiten und der Krankheiten von Kollegen, die Flexibilität verhindern. Wir - Hartmann, Rühm, Brus, Oswald Wiener, etc. und ich - haben alle im Ausland gelebt. Hatte einer von uns in Berlin oder Stuttgart eine Ausstellung, fuhren wir alle hin. Oder wir trafen uns bei den Messen, was natürlich sehr schön war. Jetzt sind wir alle sehr einsam, auch weil es, leider Gottes, die Konkurrenz zwischen Künstlern gibt. Jeder hat sich sein Imperium aufgebaut, und sich vom anderen künstlerisch entfernt. Nur mit ein paar alten Freunden streitet man noch. Mein Haus ist zwar nach wie vor ein geselliges Haus, da ja viele Leute, Käufer, Bankleute, usw. nach Prinzendorf kommen, um mein Werk sehen zu wollen: Da spiele ich immer den Kasperl, was ihnen recht gefällt, doch die sehr schönen Feste sind verloren gegangen.
RAINER: Schließt Du keine neuen Freundschaften mehr?
NITSCH: Mit Jüngeren. Assistenten. Das ist oft sehr schön, aber mit den Lebensfreundschaften, wie man sie bis dreißig schließt, ist es, glaube ich, vorbei.
RAINER: Ich bin ein Hagestolz geworden. Es tut mir leid, dass ich keine engeren Freundschaften mehr schließen, auch keine große Bindungen mit Frauen mehr eingehen kann. Mir ist die Klebe- und Dialogfähigkeit abhanden gekommen. Wenn mir aber jemand wichtig ist, geht das nicht so schnell an mir vorbei. Ich mache mir aber keine Illusionen darüber, den Weg der Einsamkeit gehen zu müssen. Höchstens die Kinder sind noch wichtig, was aber eine andere Beziehung ist. Du hast ja keine Kinder.
NITSCH: Ich habe keine eigenen Kinder, aber einen Pflegesohn, zu dem ich geografisch keine enge, aber eine sehr herzliche Beziehung habe. Er lebt in Kassel.
intimacy-art: Sind Sie verheiratet oder haben Sie eine Lebensgefährtin?
NITSCH: Ich bin verheiratet.
intimacy-art: Und Sie?
RAINER: Ich bin nicht verheiratet, nein.
intimacy-art: Und waren es auch nie?
RAINER: Ich war drei- oder viermal verheiratet und hatte immer Traum-Scheidungen ohne Streit...


Zwei ängstliche alte Herren?

RAINER: Hast Du irgendwelche Perspektiven?
NITSCH: Da ich ja bis heute mein Jugendwerk verwirkliche, hoffe ich, dass das Ganze aus den groben Skizzen, die ich als Zwanzigjähriger gemacht habe, wächst wie ein Baum. Damals hätte ich die Fähigkeiten zur völligen Realisation noch nicht gehabt.
RAINER: Ich achte eher darauf, noch etwas Neues zu machen. Vielleicht wird die Nachwelt über meine Kunst einmal sagen, "das ist ein Baum mit einem gemeinsamen Stamm", beabsichtigt ist es von mir jedoch nicht. Nitsch, was hast Du aber für Ängste?
NITSCH: Ängste wegen der Gesundheit: Wenn ich erfahre, dass jemand in meinem Bekanntenkreis die und jene schreckliche Krankheit hat, bekomme ich zumindest leichte Symptome in der Richtung. Ich trage daher stets irgendwelche Leiden mit mir herum, bei denen ich furchtbare Angst habe, dass sie zu etwas Schrecklichem ausbrechen. Das hat mich mein ganzes Leben gequält.
(Das Handy der Journalistin läutet)
NITSCH: Und vor Handys habe ich auch Angst.
intimacy-art: Oberhuber? Ah, Frau Nitsch!
NITSCH: Was habe ich wieder angestellt?
intimacy-art: Nanu, woher haben Sie meine Nummer? - Ja, Moment. Für Sie.
(Gibt Nitsch das Handy, seine Frau möchte ihn sprechen)
NITSCH: (spricht hinein) Gerade hat mich der Rainer gefragt, ob ich Ängste hätte. Hallo? Na, na, das hätte ich nie gesagt. Aber dann hat das Handy geläutet und schon hat´s mich getroffen! Was gibt´s?... Ja, das geht sich aus. Wie lange sind sie denn da? Ja, ja. Und die lassen mich dann eh in Ruh, und werden mich dann nicht behelligen?! Ich habe am Abend einen Termin, da gehe ich hin, das geht sich also aus. Gut. Also, Wiedersehen!


Und an der "wenig originären, nur nachahmenden Künstlerjugend" stoßen sich Rainer und Nitsch in Teil 3
(Interview-Auszug vom Oktober/2001, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Deutsch) über
intimacy-art@gmx.at)

Friday, September 08, 2006

"Nitsch, wie alt bist Du jetzt?", Teil 1


Photo: Hermann Nitsch (© Gai Jeger)

Nachlassende Energie, Vigilanz, Körperbeherrschung, der Tod machen auch vor Österreichs Meistern der Kunst keinen Halt. ARNULF RAINER und HERMANN NITSCH nehmen es aber mit Humor - wie im ersten Teil des "Gesprächs" mit einer schweigenden ELFI OBERHUBER.

Kurzprofil HERMANN NITSCH, geb. am 29.8.1938 (Sternbild Jungfrau) in Wien, ist international durch sein - sich der Passion Christi und dem Dionysos-Mythos anlehnendes - "Orgien-Mysterien-Theater" bekannt, bei dem durch ästhetische Ersatzhandlungen wie das Töten eines Tieres Triebe durchbrechen. Bereits während seines Studiums an der Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt Wien entwickelte Nitsch "den Kunstbegriff eines orgiastischen, alle Sinne ansprechenden Festes, das Kunst und Leben verbindet", realisiert in kultisch-religiösen Malaktionen prozesshaften Charakters. Die Bildtafeln und Objekte Nitschs kennzeichnen die Verbindung von Regelbefolgung durch Inszenierung und Ekstase durch explosionsartigen Ausdruck. Nitsch hatte bis 1995 eine Professur in Frankfurt. Derzeit stellt er bis 11.11.2006 in der Galerie Mike Weiss in New York, und von 29.11.06-22.01.07 im Rahmen einer großen Retrospektive in der Nationalgalerie Berlin aus.


Hypochonder Nitsch und Bettflüchtling Rainer


ARNULF RAINER: Ich habe mir gedacht, wir sprechen über das Alter.
intimacy-art: Haben Sie sich ein ganzes Konzept überlegt? - Ich hätte nämlich auch eines. - Ich darf aber schon auch das eine oder andere fragen?
HERMANN NITSCH: Das sollen Sie auch.
(Das Telefon läutet, Rainer geht kurz raus.)
intimacy-art:
Sonst wird´s ja vielleicht etwas einseitig, wenn einer alles bestimmt.
NITSCH: Darüber mache ich mir keine Sorgen.
(Rainer kommt zurück.)
RAINER: Also, Nitsch, wie alt bist Du jetzt?
NITSCH: 63 (Anm. zum Zeitpunkt des Gesprächs).
RAINER: Ich geh ja schon auf die 80 zu und habe täglich Probleme: Mein Hauptproblem ist die nachlassende Energie, Vigilanz und Assoziationsflüssigkeit. Auch bei Dir habe ich gesehen, dass Du delegierst und Deine Kübel gar nicht mehr selbst trägst. Wirst Du ehrgeiziger und machst Du mehr, oder weniger?
NITSCH: Nach meiner bisherigen Erfahrung erfordert jedes Lebensalter dieselbe Energie, wobei jeweils andere Probleme zu bewältigen sind. Abgesehen davon war ich immer schon ein Hypochonder: Ich muß bis heute mit einer Herzneurose leben, die mir nie ermöglicht hat, Sport und Bergtouren zu machen.
RAINER: Hast Du nicht tatsächlich ein Problem mit dem Herzen?
NITSCH: Mit zunehmendem Alter wird die Neurose sicherlich organisch überlagert. Vordergründig ist es aber noch so, dass ich zwar in den fünften Stock steigen kann, mir aber danach Sorgen mache, ob es mir nicht geschadet hat. Meine Energie läßt aber nicht nach. Ich bin zum Beispiel ein furchtbarer Schnarcher...
RAINER: Das spricht für Energie.
NITSCH: Das bringt aber mit sich, dass man im Blut sauerstoffarm ist. Wenn man sich in der Folge nicht konzentrieren muß, schläft man ein. Ich schlafe im Zug, im Auto, im Flugzeug und schlafe auch, wenn mich ein Gespräch langweilt.
RAINER: Also ich habe immer weniger Schlafbedürfnis. Ich komme mit vier bis fünf Stunden aus, wache um vier/fünf Uhr früh auf und habe dabei Angst, die anderen Leute aufzuwecken. Das nennt man "senile Bettflucht".
NITSCH: Ich würde mir diese senile Bettflucht wünschen, weil ich dann mehr leisten könnte.
RAINER: Das kommt bei mir wohl daher, weil ich nach vier Uhr nachmittags nichts mehr esse. Dadurch habe ich einen leeren Magen und bekomme einen viel tieferen, jedoch kürzeren Schlaf. Tagsüber fehlt mir trotzdem die Energie, was dazu führt, dass ich keine Großformate mehr, sondern Kleinformate bearbeite oder weniger mache. Ich organisiere mich nach den Möglichkeiten meines Körpers.
NITSCH: Darüber kann ich Gott sei Dank noch nicht klagen. Ich war immer so voller Energie, dass ich oft feiern mußte, um überschüssige Kraft los zu werden. Sonst wäre ich vielleicht ein schwerer Neurotiker geworden. Letztenendes sehe ich das Alter positiv: Als junger Mensch hat man keinen Einfluß und muß stets darum kämpfen. Ich habe heute mehr Fähigkeiten und Möglichkeiten, Dinge zu realisieren als damals.
RAINER: Durch Kanalisierung.
NITSCH: Ich kann heute zum Beispiel viel besser frei sprechen und fast ohne Konzept eine Stunde lang einen Vortrag halten. Früher mußte ich etwas trinken, um den Mund aufzubringen.
RAINER: Tja, Du bist wohl gescheiter geworden.
NITSCH: Der Begriff "weise" ist heute vielleicht nicht mehr zuträglich, aber irgendwie habe ich doch mehr Überblick und Übung bekommen: in der Möglichkeit, besser auzuwählen. Früher ist mir so viel gleichzeitig eingefallen, dass ich fast nichts heraus bekommen habe.
RAINER: Das ist die Assoziationsflüssigkeit: Wenn einem viel einfällt, fabuliert man. Die Fantasie geht manchmal mit einem durch. Wenn man arbeitet, hat man hundert Einfälle und muss sich für etwas entscheiden.
NITSCH: Und wie man an meiner Arbeit sieht, fällt mir meiner Ansicht nach immer das Richtige ein.


Verbrauchte Künstler sehen am besten

RAINER: Mein Problem war immer auch, die Vigilanz zu halten, sprich mich auf ein gewisses Aufmerksamkeitsfeld zu konzentrieren. Kannst Du über mehrere Stunden etwas lesen?
NITSCH: Ich lese immer stehend, weil ich mich dabei besser konzentrieren kann. Beim Sitzen könnte die Möglichkeit bestehen, dass ich einschlafe. Ich lese auch sehr viel beim Spazierengehen. Da nehme ich mir schwerst zu lesende Bücher mit.
RAINER: Wegen der frischen Luft... Und wie gehts Dir mit der Sensibilität: Ist sie größer oder gröber geworden?
NITSCH: Das ist schwer zu beurteilen. Wir wissen ja alle, wie es mit den Alterswerken großer Meister ist. Vasari ließ Tizian fallen und meinte, der könnte nichts mehr. Dabei sind aber die späten Tizians die schönsten. Auch bei Beethoven waren die späten Streichquartette, bei Monet die Seerosen, bei Mahler die Zehnte Symphonie, bei Schubert die Winterreise - also die Todeswerke, wo diese Leute entweder sehr alt oder sehr verbraucht sind - am großartigsten. Man wirft ihnen aber gleichzeitig immer weniger Sensibilität oder ein Fehlen der Empfindung vor.
RAINER: Auf jeden Fall. Es gibt ja das Gerücht, dass Monet im Alter schlecht gesehen, aber trotzdem keine Brille getragen hätte, um den verschwimmenden Eindruck zu erhalten.
NITSCH: Mein Sehvermögen hat sich auch verschlechtert. Früher trug ich keine Brille. Ich sah jeden Stern und das Reiterlein. Kleine Schriften kann ich ohne Brille nicht mehr lesen.
RAINER: Bei mir verschwimmt alles, ich versuche das aber auszunutzen. Ich schaue, dass ich bei ein und demselben Bild den Wechsel zwischen mit und ohne Brille auskoste. Durch die Abwechslung schaffe ich Sachen, die mir zuvor nicht gelungen sind. Wenn ich schlechter sehe, sehe ich das Gesamtbild besser. Sehe ich gut, verliere ich mich dagegen im Detail. Dadurch kommt mir vor, dass ich im Alter sensibler, milder und sogar farbenfroher werde. Nur kann man das selber schwer beurteilen.

Und um "die Einsamkeit im Alter" geht es in Teil 2 auf dieser Seite (oben)!
(Interview-Auszug vom Oktober/2001, volle Länge in Print (Deutsch+Englisch) / Audio (Deutsch) über intimacy-art@gmx.at)